Charlie Hebdo 2015

Gérard Biard

Chefredakteur
Charlie Hebdo
Frankreich

Der Leidensweg von Charlie Hebdo ist von epochaler Bedeutung. Die freie Welt muss Solidarität mit den Opfern zeigen. Meinungs- und Pressefreiheit sind für jede Demokratie essentiell und müssen unter allen Umständen verteidigt werden.

Chefredakteur Gérard Biard, der den Preis in Anwesenheit von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, dem französischen Botschafter Philippe Etienne und rund 200 geladenen Gästen unter größten Sicherheitsvorkehrungen in der Orangerie von Sanssouci entgegen nahm, sagte in seiner Dankesrede: „Die Überzeugungen und Werte, für die wir eintreten, sind universelle Werte und als solche gehören sie allen Bürgern dieser Welt.“ Daher sollten alle Bürger dieser Welt für sie eintreten. „Wir haben, anders als behauptet, nie den Islam oder Muslime kritisiert“, so Biard. „Wir kritisieren den Islamismus als politische Ideologie.“ Die ersten Opfer des „totalitären Islamismus und seiner Schergen“ seien weltweit immer und zuerst Muslime.

„Dieser Preis heute ehrt die Toten – und er ehrt die Überlebenden“, betonte der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in seiner Laudatio:  Dass es „Charlie Hebdo“ noch immer gebe sei ein „trotzdem“. Wenn Satire niemandem weh tue, bedeute sie nichts.

Am 7. Januar 2015 wurden bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo in Paris 12 Menschen, darunter acht Mitarbeiter von Charlie Hebdo einschließlich des Herausgebers Stéphane Charbonnier, von zwei islamistisch motivierten Tätern ermordet. Bereits 2011 wurde ein Brandanschlag auf die Redaktion verübt, nachdem ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien erschienen war. Dabei  beschäftigten sich von 520 Charlie Hebdo-Titeln, die in den letzten 10 Jahren erschienen sind, weniger als 20 mit dem Thema Islam, Islamismus oder Mohammed. Charlie Hebdo nimmt – wie jede andere Satirezeitung auch – alle gesellschaftlich relevanten Themen aufs Korn.
2006 war das Magazin allerdings eines der wenigen weltweit, die die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen „Jyllands Posten“ nachgedruckt hatten. Dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard, der seitdem mit Personenschutz lebt, wurde 2010 der M100 Media Award verliehen.

„Das Recht der freien Meinungsäußerung ist eines der Grundrechte einer zivilisierten Menschheit“, begründet Lord Weidenfeld, Co-Chairman des M100-Beirats, die Entscheidung. „Politische, kulturelle und religiöse Strömungen oder führende Figuren zu kritisieren, oder sogar zu karikieren, darf nicht verboten werden. Charlie Hebdos Martyrium ist von epochaler Bedeutung, und die freie Welt muss sich in jeder Weise solidarisch mit den Opfern zeigen. Es ist uns daher eine besondere Ehre, im Rahmen dieses Potsdamer Treffens den M100 Media Award 2015 an Chefredakteur Gérad Biard und Charlie Hebdo zu vergeben.“

„Wir zeichnen keine Karikatur aus – wir würdigen den Wert der Presse- und Meinungsfreiheit“, erklärt Beiratsmitglied Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur Der Tagesspiegel. „Sie ist konstitutiv für jede Demokratie. Die gilt es zu verteidigen. Unter allen Umständen.“

BILD-Chefredakteur und Beiratsmitglied Kai Diekmann betont: „Der Terroranschlag von Paris war nichts anderes als ein Anschlag auf das Herz unserer Zivilisation. Die Terroristen haben sich nicht bloß gegen die Kollegen von „Charlie Hebdo“ gerichtet, um die wir noch heute trauern und die wir ehren wollen. Nein, ihr erbarmungsloser Hass richtet sich gegen die Freiheiten, die unsere Gesellschaften ausmachen: die Freiheit der Presse, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Künste. Es sind diese Freiheiten, die uns abheben von den düsteren Winkeln der Welt. Das Einzige, was wir gegen die verabscheuungswürdigen Terroristen tun können, ist furchtlos so zu leben, wie wir leben. Schreiben, was wir schreiben wollen. Zeichnen, malen, dichten, aussprechen, wonach uns der Sinn steht. Der Preis dafür kann in einer Welt des Terrors immer das Leben sein. Aber wenn wir nicht bereit sind, ihn zu zahlen, sind wir auch nicht frei. Unsere Kollegen in Paris haben diesen höchsten Preis der Freiheit gezahlt. Mit dem M100 Media Award verneigen wir uns vor ihnen!“

Prof. Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios: „Der M100 Media Award für Charly Hebdo setzt ein Signal für unser westliches Verständnis der Meinungsfreiheit. Die Meinungsäußerung ist frei. Das gilt nicht nur, wenn Bürger und Journalisten wohl überlegt mit Fakten und Argumenten öffentliche Debatten anstoßen, sondern Meinungsfreiheit gilt auch für satirische Zuspitzung, für Voreingenommenheit, für schlechten Geschmack, selbst für die Verächtlichmachung von Religionen vom Islam bis zum Christentum. So sehr das den Einzelnen auch schmerzt, so muss er doch mit Argumenten dagegenhalten und nicht mit Gewalt. Das ist das Prinzip des Westens, dem sich die Juroren für die Verleihung des  M 100 Awards verpflichtet fühlen.“

Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ ist auch Anlass für das internationale Digitalprojekt „Je reste Charlie“ der Axel Springer Akademie, das am 6. Juli in drei Sprachen gelauncht wird: Auf www.jerestecharlie.eu beschreiben die Reporter der Journalistenschule, wie Menschen auf der ganzen Welt nach einem Anschlag nicht aufgehört haben, mutig für ihre Sache einzustehen und gegen den Terror zu kämpfen. So berichten Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“, Angehörige der Getöteten und andere Betroffene teils zum ersten Mal, wie sie nach dem Attentat weiterleben und wie der Terroranschlag sie selbst und die französische Gesellschaft verändert hat.

Hauptrede: Frank-Walter Steinmeier
Laudatio: Ferdinand von Schirach
Dankesrede: Gérard Biard