Dankesrede: Dr. Wladimir Klitschko

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Damen und Herren!
Sehr geehrte Freunde der Ukraine!

I will turn to the lady who was previously on the stage, Ambassador Gutmann. Thank you for what you said, it was very touching. I’m confirming you mentioned that we in Ukraine are fighting against Russian aggression and defending our country and defending our democratic principles that we share. We are fighting not just for us, but I’m confirming, we are fighting for everyone here and everyone in the so-called free world.

We literally do it.

September is the month when mostly the schools are open – lots of children in Ukraine, millions, left Ukraine and starting outside. For instance, my daughter’s school moved from Kyiv to Warsaw, and it’s great that some children will not see the horror of the war, will not hear the sirens, bombing, explosions, shooting, screaming, whining, crying, seeing dead bodies of their relatives, sisters, brothers, parents.

I cannot forget to mention, aside from the lucky ones, speaking of children, that having a chance to continue having this academic year that started in this month. But don’t forget that over 2,000 children in Ukraine been murdered, raped and killed and injured. They are not that lucky. I want to say, you as ambassador of the U.S., as an extension of your government, I just want to say thank you so much for all the support that we’ve been receiving from the U.S., especially with the weaponry. It is so important on the front line, not just the promises, not just the talks, not just sanctions, which are very important, but unfortunately in the war, you can stop the aggressor that goes against you with the weapons only with other weapons that are modern.
So please, pass in the chain, and much appreciation from the Ukrainian people, men and women and children include, for all this support.

Meine lieben Damen und Herren,
I cannot speak Polish, but I know you do understand English and German as well. And I just want to also say thank you to the Polish people.
The war, an invasion of Ukraine, started 2014. And from the first day of 14, Polish people were the ones that stand by our side. I remember this vividly during the Maidan movement.
Dziękuję bardzo! Dziękuję, dziękuję, dziękuję, bardzo, bardzo!

You just explained the history of Poland and the invasion of Poland in the Second World War and before the war. And you do know what it feels like, ou do know if we fail, you going to be next. You do know how it feels to lose your relatives and even destruction the country. You do know that from the history. And you have this feeling and they just want to say thank you from all the Ukrainians, men and women and children for all that you do for us.
Please pass it as well.

Es ist eine Auszeichnung und Anerkennung, und meistens, wenn man schon eine Anerkennung bekommt, dann hält man eine Dankesrede. Es ist auch schwer für mich, genau zu planen, dass ich hier bin. Und es gab natürlich dann die Möglichkeit, das vielleicht auf eine digitale Art und Weise zu tun und diesen Preis in Empfang zu nehmen für das ukrainische Volk, für uns Ukrainer. Es ist nicht die Zeit, verständlicherweise während des Kriegs, während wir hier sitzen, wird weiter unsere Infrastruktur, unsere Leben zerstört. Es ist wahrscheinlich nicht die richtige Zeit, eine Dankesrede zu halten.

Ich bin aber hier mit einer ganz klaren Mission: Nicht nur eine Dankesrede halten, aber euch auch aufmerksam zu machen, dass dieser Krieg immer noch herrscht, ein halbes Jahr in der Ukraine herrscht. Und man versteht, dass man wahrscheinlich müde ist, von diesem Krieg das zu hören, wie viel Leid wir haben und was wir alles brauchen und dass wir immer wieder fragen: Bitte unterstützen, bitte helfen. Wir fragen das, weil es bei uns um Leben und Tod geht. Es geht um die Existenz. Wenn du ein Volk auslöschen willst – und genau das will Putins Russland, ein Volk auslöschen –, musst du die Geschichte auslöschen. Das kennen wir schon aus der Geschichte.
Genau das macht Russland: Zerstört die Schulen, Universitäten, Museen. Die Sprache wird vernichtet. Ich bin für russischsprachige Ukrainer. Wir sollen aber kein Ukrainisch mehr verwenden und kein Ukrainisch mehr sprechen, denn das ist die Identität unserer Kultur.

Seit 2014 leidet die Ukraine an diesem Krieg, und genau hier stand vor acht Jahren mein Bruder Vitali, der für diesen Freiheitskampf ausgezeichnet wurde, und schon damals hat er und viele andere die freie Welt gewarnt: Russland hat nicht nur die Annexion der Krim gemacht und diesen Krieg angezündet im Osten der Ukraine, Russland wird weitergehen, wenn es keine Konsequenzen gibt. Konsequenzen, harte Konsequenzen, sehr harte Konsequenzen!
And that term in English is pretty good. It comes from boxing: “Bully the bully!”. That’s the way you stop the aggressor.
Man kann nur von der Seite der Stärke den Angreifer stoppen.

Und damals, als, wie ich schon erwähnt habe, mein Bruder gesagt hat, dass es, wenn es so weitergeht ohne Konsequenzen, kann es sein, dass sie sogar Kyiv angreifen.
Die Antwort damals war: Das wird Putin niemals tun. Die Antwort kennen wir heute.

Ich war genauso wie viele Ukrainer damals in der Ukraine, in meiner Heimatstadt Kyiv. Und genauso wie viele, habe ich mich für die territoriale Verteidigung angemeldet, was Teil des Militärs ist, um meine Stadt mit Waffen in meinen Händen zu verteidigen. Genauso, wie es jeder Ukrainer und jede Ukrainerin gemacht hat. Und wir machen das immer noch. Und wir werden es weiter tun, denn wir lieben unser Land, wir lieben die Freiheit, seit 2014, und die Bewegung für die Freiheit, den Kampf für Freiheit auf dem Maidan.
Wir wollen nicht auf unseren Knien leben, weil wir Ukrainer sind. Und wir wissen, dass unsere Prinzipien wahnsinnig viel bedeuten, nicht nur für uns, sondern für die weitere Generation, für unsere Kinder. Freiheit und Demokratie.

Seit 2014 und seit dem 24. Februar dieses Jahres hat Präsident Putin einen Krieg erklärt. Seine Soldaten haben zigtausende Menschen ermordet, und es geht weiter. Bevor ich weiterspreche, möchte ich Sie um eine Gedenkminute für die Opfer dieses Krieges bitten.

Danke.

Immer wieder hört man von Medien und den deutschen Politiker: Das ist Putins Krieg. Nein, das ist nicht nur Putins Krieg, das ist Russlands Krieg. Bis 80 % der Russen unterstützen diesen Krieg. Unvorstellbar.

M100 steht für Medien, als Medienpreis. Und wir wissen es, dass Medien eine der stärksten Waffen in dieser modernen Welt sind. Eine Propaganda, die die Leute in Russland seit Jahrzehnten brainwashed. Und es ist schrecklich zu wissen, dass in Europa immer noch staatlich gesponserte Medien, russische Medien, zu sehen sind. Als ich Anfang Mai beim Welt Economic Forum in Davos war und in meinem Hotelzimmer den Fernseher angeschaltet habe, sah ich die Berichte aus Mariupol – und das russische Fernsehen hat genau erklärt, dass Ukrainer die Ukrainer umgebracht haben und die ganze Zerstörung veranstaltet haben, das sind die Nazisten…
Wie kann es sein? Sind wir so blind? Können wir das nicht stoppen?

Auch das ist ein Riesenthema: Wie kann es sein, dass Russen, die diesen Krieg in der Ukraine weiter anzünden und unterstützen, die deutschen Berge als Touristen besuchen können, während ihre Soldaten unsere Städte zerstören? Wie kann es sein, dass Leute aus Putins System und seine Freunde in Saint Tropez an der Côte d’Azur Champagnerkorken knallen lassen, während ihre Soldaten in Butcha, in Mariupol und weiteren Städten Völkermord begehen?

Wie kann es sein, dass Putins Kreml-Propagandisten in Italien oder Griechenland Sirtaki tanzen und das Leben genießen? Wie kann es sein, dass ich und meine Freunde in Russland anrufen und die Leute dort entweder nicht ans Telefon gehen und diejenigen, die dann ans Telefon gehen, mich und diese freie Welt Nazis nennen? Wie kann es sein, dass diese Menschen weiter nach Europa reisen können? Wie kann es sein, dass es für diese Menschen keine Konsequenzen gibt?

Es ist wirklich schwer für mich, in meinem Heimatland die deutsche Politik zu erklären. Auf einer Seite bekommen wir natürlich eine enorme Hilfe und Unterstützung, enorm, seit Jahren. Auf der anderen Seite wurden Konsequenzen versprochen, wir erinnern uns: Vor dem Krieg ist Russland mit harten Konsequenzen gedroht worden, wenn es diese Linie überschreitet und die Ukraine angreift.

Viele haben gedacht, vor allem Russen, dass sie uns in drei Tagen erobern. Sie haben uns nicht erobert. Sie werden das niemals schaffen, denn unser Wille ist stärker als jede Waffe.
Herr Bundeskanzler, ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, aber ich muss sagen, dass ich wahnsinnig beeindruckt bin von Ihrer Rede. Gerade dieses Commitment, das Sie uns in der Ukraine gesagt haben, möchte ich nicht nur als Worte empfangen, sondern das muss mit Taten bestärkt werden, mit Taten, die wir nicht nur ein wenig, sondern in großen Mengen bekommen können.

Ich konnte mir früher nicht vorstellen, dass ich über die Waffen reden werde, ich bin kein Militärexperte, aber wir brauchen Waffen. Wir brauchen schwere Waffen. Wir brauchen Angriffswaffen. Wir brauchen sie, um unser Land zu verteidigen und zu befreien. Und das habt ihr in den vergangenen Tagen mitbekommen: Wir können überlegen sein. Man kann die beiden Armeen, die ukrainische und die russische, nicht vergleichen. Die beiden Länder sind total unterschiedlich von der Größe, den Menschen, der Armee, aber mit modernen Waffen können wir uns verteidigen. Wir können euch verteidigen!

Natürlich braucht die Bundeswehr Leopards, Marder und andere moderne Panzer und Waffen, natürlich. Aber ich will noch einmal daran erinnern, dass die Frontlinie nicht hier ist, die Frontlinie ist in der Ukraine. Und wir sind nicht so weit von euch entfernt. Laut der russischen Propaganda, wenn man ihr glaubt – und man glaubt auf einmal – die verspricht, ist die Ukraine nur der Anfang.

Das haben Sie wahrscheinlich schon mitbekommen. Und sie werden weiter rollen. Und sie werden so weit rollen, bis sie gestoppt werden. Lassen Sie uns das gemeinsam tun! Es gibt immer eine Geschichte, Schlüsselpersonen, einen gewissen Zeitpunkt, und diese Schlüsselpersonen können eine Wende in eine Situation, in eine Krise, in einem Krieg haben. Und Sie, Herr Bundeskanzler Scholz, Sie sind diese Person.

Es ist ein enormer Druck auf Sie, auch mit allen Entscheidungen, die Sie im Land innerhalb und außerhalb des Landes treffen müssen. Aber Sie sind die Person in der Geschichte. Ich möchte, dass Deutschland und Sie persönlich auf der richtigen Seite in der Geschichte seid. Ihr seid es schon, nur bestärkt es, bitte. Ihr macht das schon. Wir brauchen mehr. Je länger dieser Krieg dauert, desto mehr verlieren wir: mehr Leute, mehr Zukunft, mehr Talent, mehr Leben, Infrastruktur, Finanzen usw., man kann unendlich zählen.
Mein Bruder Vitali hat wie gesagt vor Jahren hier angekündigt, dass diese russische Aggression möglicherweise nicht mit der Halbinsel Krim beendet wird oder im Osten der Ukraine, sondern dass es weiterrollen wird. Die freie Welt, auch Deutschland hat weggehört. Es gab keine harten Konsequenzen. Nord Stream wurde weiter gebaut in den ganzen Jahren, und diese russlandfreundliche Politik hat weiter geherrscht in Deutschland.

Ich möchte, dass diesmal nicht weggehört und nicht weggeschaut wird. Es ist ernst, wie es nur sein kann. Und ich verstehe von Medien und Bildern, dass es ganz schwer ist, sich vorzustellen, in diesem Schrecken zu leben, wie wir in der Ukraine leben. Aber ich möchte Sie bitten, dass wir, die freie Welt – ich separiere mich nicht von euch, ich sage „wir“, denn wir sind in einem Eco-System, wirtschaftlich und geopolitisch, auch mit unseren demokratischen Prinzipien –, dass wir an einer Front sind gegen diesen Krieg, den Russland und Präsident Putin angefangen hat, dass das schnell gestoppt wird, so schnell es nur geht.

Ich habe einen Traum, dass es schneller passiert, dass dieses unendliche Leid letztendlich ein Ende hat. Wir werden letztendlich nicht mehr über die Kriegsopfer sprechen, sondern über die Zeiten des Friedens, die Zeiten des Aufbaus. Die Ukraine ist wunderschön. Einige von euch, vielleicht viele von euch, waren bei der Fußball EM, die wir 2012mit Polen zusammen veranstaltet haben. Auch in Donezk haben einige Spiele stattgefunden. Ihr erinnert euch, wie erfolgreich die Ukraine beim europäischen Songcontest war, und auch talentiert, ihr erinnert euch, wie toll das Champions League Finale in Kiew stattgefunden hat. Lasst uns das gemeinsam wiederholen! Lasst uns diese Glücksmomente gemeinsam in der Ukraine erleben!
Ich bin fest davon überzeugt: Wenn ihr schon vor dem Krieg in der Ukraine wart, werdet ihr zurückkommen. Dieses Mal für den Aufbau des Landes. Sie werden so viel Wärme bekommen. Wir haben Leute, die wahnsinnig viel Talent haben. Und wir streben nach Leben und modernem Leben. Lassen Sie uns das bitte gemeinsam aufbauen.

Aber bevor wir das aufbauen werden, müssen wir uns richtig anstrengen. Und es muss Konsequenzen für diesen sinnlosen Krieg geben. Bitte vergessen Sie nicht nach jeder Tötung, nach jedem Mord, nach jeder Vergewaltigung: hinter jeder dieser Taten steht ein Vorname und ein Nachname und derjenige, der diesen Befehl gegeben hat. Und das muss Konsequenzen haben, auf internationaler Ebene mit internationalem Gericht.

Es muss Konsequenzen geben, damit das nie wiederholt wird.

Vielen Dank! Slawa Ukrajini!