Die Highlights des M100 Sanssouci Colloquiums 2021

Mit der Entscheidung, demokratische Resilienz in den Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz zu stellen, hat das M100 Sanssouci Colloquium einen Nerv getroffen. Resilienz, wie sie zu erreichen ist und welche Rolle Medien dabei spielen, ist das Thema unserer Zeit. Dazu gab es intensive Debatten, erkenntnisreiche Reden und spannende Diskussionen.

Sehen Sie noch einmal die Highlights der Konferenz mit Insights von TeilnehmerInnen, kurzen Zusammenfassungen der Strategic Roundtable und der Rede von Benjamin H. Bratton, der Rede von Prof. Dr. Andreas Reckwitz, dem Special Talk über „Die totalitäre Versuchung“ mit Can Dündar, Dr. Claudia Major und Saad Mohseni und der Verleihungd es M100 Media Award an Alexei Nawalny, mit der Laudatio von FDP-Chef Christian Lindner und der Dankesrede von Leonid Volkov.

Agron Bajrami: Unser Colloquium

Zehn Jahre lang war Agron Bajrami, Chefredakteur von Koha Ditore, regelmäßiger Gast des M100 Sanssouci Colloquiums. Nach 27 Jahren an der Spitze der größten Tageszeitung des Kosovo wurde er nun für den Posten des Botschafters des Kosovo im Königreich Belgien nominiert. Dazu gratulieren wir ihm herzlich und wünschen ihm in seiner neuen Position viel Erfolg und alles Gute. Wie er das M100 Sanssouci Colloquium erlebt und was es ihm bedeutet hat, hat er hier für uns aufgeschrieben:

„Im Laufe der Jahre – seit 2010 – hatte ich das große Vergnügen und den Vorzug, am M100 Sanssouci Colloquium teilzunehmen. Ich habe an vielen Diskussionen teilgenommen, die zumeist im Orangerieschloss stattfanden und den perfekten Rahmen für Gespräche über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft boten, wobei europäische Fragen, globale Themen und demokratische Grundsätze im Mittelpunkt jedes Gesprächs standen.

Und jedes Mal, wenn ich Potsdam verließ, kehrte ich erleuchtet nach Hause zurück, mit einem tieferen Verständnis für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sowohl als Medien als auch als Gesellschaften, hier am Rande Europas und des Westens – wo der Balkan liegt, nicht nur geografisch gesehen.

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Bewerbungsaufruf: Wie können Medien zur europäischen Demokratie beitragen?

Online-Seminar im Rahmen der Konferenz zur Zukunft Europas

3. und 4. Dezember 2021, Zoom

Referenten:
Prof. Dr. Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik, Universität Bonn
Prof. Alberto Alemanno, Jean-Monnet-Professor für EU-Recht, HEC Paris, Gründer „The Good Lobby“
Moderation: Sabine Sasse, Head of Programme, M100 Sanssouci Colloquium, Potsdam

Die Konferenz zur Zukunft Europas, die ursprünglich vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der liberalen europäischen Partei ALDE angeregt und am 9. Mai 2021 eröffnet wurde, ist der erste Versuch einer institutionellen Reform seit 2007. Ziel ist es, Vorschläge und Ideen für die Zukunft der Europäischen Union bis 2022 zu diskutieren, wobei nicht nur alle EU-Institutionen und Mitgliedsstaaten, sondern auch und vor allem die EU-Bürger einbezogen werden sollen. Bislang hatte die Konferenz jedoch Schwierigkeiten, das Interesse der europäischen Bürgerinnen und Bürger zu wecken und wurde von den Mainstream-Medien kaum beachtet.

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„Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, wir müssen für sie kämpfen“

Zusammenfassung des Special Talk „The Totalitarian Temptation“

Am 6. Oktober 2021 diskutierten Saad Mohseni (afghanisch-australischer Medienunternehmer und Mitbegründer und Vorsitzender der MOBY Group), Dr. Claudia Major (Leiterin der Abteilung Internationale Sicherheit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP), und Dr. Can Dündar (türkischer Top-Journalist und Chefredakteur von Özgurüz) im Rahmen des M100 Sanssouci Colloquiums über Zustand und Zukunft der Demokratie. Moderiert von dem internationalen TV-Moderator Ali Aslan, analysierte das Panel insbesondere den Aufstieg totalitärer Regime und die Fehler, die westliche Regierungen im Umgang mit Afghanistan, der Türkei, dem Nahen Osten und auch Afrika und China in ihren Versuchen des Demokratie-Exports gemacht haben.

Saad Mohseni hat 2002 mit der Moby Group das erste private, unabhängige Medienunternehmen im Post-Taliban-Afghanistan aufgebaut, in dem auch Frauen als Journalistinnen und Moderatorinnen arbeiten. Damit hat er fast 20 Jahre lang die Entwicklung des Landes zu einer Demokratie mitgestaltet und nun die Erosion des Fortschritts durch die Taliban aus nächster Nähe erlebt. Ende Juli war er das letzte Mal in Afghanistan.

Mohseni, dessen Sender mit seinen 400 MitarbeiterInnen noch immer in Afghanistan aktiv ist, betonte, dass die letzten Jahre angesichts der jetzigen Situation nicht umsonst gewesen seien. Im Unterschied zu Mitte der 1990er Jahre, als die Taliban schon einmal Afghanistan regierten, würden jetzt Frauen auf den Straßen für ihre Rechte demonstrieren, zivilgesellschaftliche Akteure würden Kampagnen für die Bildung von Mädchen anstoßen und die Taliban müssten im Fernsehen mit Frauen und der Zivilgesellschaft diskutieren. Das sei vor 20, 30 Jahren undenkbar gewesen und habe natürlich etwas mit dem Bildungssystem zu tun, das auch Mädchen Zugang zu Schulen und Universitäten ermöglicht hat.
Doch eine Erosion der Demokratie sieht man nicht nur in Afghanistan, sondern auch in gebildeten westlichen Gesellschaften weltweit, und auch in Europa, wo sich nicht zuletzt in Polen und Ungarn illiberale Demokratien durchgesetzt haben.

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Zusammenfassung der Strategischen Roundtable

Das M100 Sanssouci Colloquium begann mit drei parallelen Strategic Roundtable-Diskussionen auf der digitalen Plattform Zoom, eingeleitet durch eine Eröffnungsrede von Benjamin H. Bratton, Professor für Bildende Künste an der University of California, USA, zum Thema „The Revenge on the Real: Politics for a Post-Pandemic World“ (die Rede können Sie hier nachlesen und anschauen)

Leonard Novy

Nach einer lebhaften und konzentrierten einstündigen Diskussion stellten die drei ModeratorInnen die Ergebnisse der Roundtable vor, moderiert von Dr. Leonard Novy, M100-Beiratsmitglied und Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln (Die Aufzeichnung steht Ihnen hier auf unserem YouTube-Kanal zur Verfügung). [1]

Die erste Moderatorin war Annalisa Piras, Journalistin, Filmemacherin und Geschäftsführerin der Wake Up Foundation. Sie fasste den Strategischen Roundtable „New beginnings: Leadership in (post-)Covid times“ zusammen, der durch einen Impuls von Alberto Alemanno, Jean-Monnet-Professor für Recht und Politik der Europäischen Union, HEC Paris, Frankreich, eingeleitet worden war:

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„Kämpft für eure demokratischen Rechte und habt Mut“

„Ich bin überzeugt, mit diesen und anderen Maßnahmen, mit einer Courage, wie Alexei Nawalny und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sie gezeigt haben, ist die Veränderung von Herrschaft, die Veränderung von Staatlichkeit von innen möglich“, erklärte der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des M100 Media Award an Alexei Nawalny und seine Anti-Korruptionsstiftung FBK am 6. Oktober 2021 im Schlosstheater des Neuen Palais in Potsdam. „Alexei Nawalny sagt selbst: ‚Kämpft für eurer demokratischen Rechte und habt Mut‘, so Lindner weiter.

„Ich bin überzeugt, das Streben nach Freiheit ist auf Dauer immer stärker als die Macht und die Unterdrückung. Für liberale Demokratien sollte demokratische Opposition überall auf der Welt ein natürlicher Partner bleiben, nicht nur in Russland, sondern auch die Anliegen der Bevölkerung in Hong Kong sollten wir in gleicherweise ernstnehmen und unseren Blick nicht lösen von der Situation in Belarus. Wir teilen mit dieser Opposition weltweit die Grundwerte von Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Freiheit. Deutschland und Europa brauchen eine Außenpolitik, die in kluger Weise die Interessen an Dialog, Handel, Austausch und Kooperation, die wir alle teilen, die diese Interessen verbindet mit unseren unaufgebbaren Werten.

Wir selbst können in unseren Gesellschaften für die liberale Grundlage unseres Zusammenlebens nur dann glaubwürdig eintreten und für sie werben, wenn wir auch dann an diesen Werten festhalten, wenn sie einmal in Spannung oder gar in den Widerspruch mit unseren sonstigen Interessen geraten könnten.“

Die gesamte Rede können Sie hier nachlesen.

Annalisa Piras: Journalismus hat beispiellose, historische Verantwortung

„In der Geschichte der Menschheit haben Pandemien immer Zeiten tiefgreifender Erneuerung eingeläutet. Um sicherzustellen, dass unsere Reaktion auf die Pandemie Fortschritt und Entwicklung fördert, müssen wir dringend die wichtigste der vielen sich überschneidenden Krisen angehen, mit denen wir konfrontiert sind: die epistemologische Krise, die Aushöhlung der Autorität des Wissens und die Verbreitung des Wahrheitsverfalls. Das ist die Krise, die alle anderen Krisen einhüllt und ihre Lösungen behindert.

Diejenigen, die in den Medien und in allen anderen Einrichtungen arbeiten, die gesellschaftlichen Sinn und Zweck produzieren, haben heute eine beispiellose, historische Verantwortung.“

Annalisa Piras ist Journalistin und Filmemacherin sowie Ko-Gründerin und CEO von „The Wake-Up Foundation“, Großbritannien/Italien

M100-Beirat Christian Rainer zur Vergabe des M100 Media Award an Alexei Nawalny

„Zum ersten Mal seit dem Kollaps der Sowjetunion scheint die Welt an einem Schweideweg zwischen den Mächten der Demokratie und der Autokratie zu stehen: Russland, China und viele andere auf der einen Seite, Europa und die USA auf der anderen.

Alexej Nawalny stemmt sich mit selbstloser und selbstzerstörerischer Kraft gegen die Despoten und die Zyniker. Er kämpft für Werte, die wir in Hunderten Jahren dem System von Tausenden Jahren abgerungen haben. Möge er seinen Erfolg unbeschadet erleben!“

Staffan I. Lindberg: Die Welt in einer dritten Welle der Autokratisierung

Die Welt befindet sich in einer dritten Welle der Autokratisierung. Wie wir im Demokratiebericht 2021 zeigen, ist das Maß an Demokratie, das der durchschnittliche Weltbürger im Jahr 2020 genießt, auf ein Niveau gesunken, das zuletzt vor 1990 und dem Ende des Kalten Krieges erreicht wurde. Wir zeigen auch, dass der Anteil der Weltbevölkerung, der in Ländern lebt in denen Autokratie herrscht, in den letzten 10 Jahren von 6 % auf 34 % gestiegen ist. Die Wahlautokratie ist heute die häufigste Regimeform in der Welt und das letzte Land, das zu einer Wahlautokratie degenerierte, war Indien im Jahr 2020. Auch die Zahl der geschlossenen Diktaturen nimmt zu. In diesen beiden Arten von Autokratien leben zusammen 68 % der Weltbevölkerung, 2010 waren es nur 48 %.

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Monika Garbačiauskaitė-Budrienė: Regierungen müssen Demokratie und Medien schützen

„Die globale Gesundheitskrise hat deutlich gemacht, wie weit verbreitet Fake News sind und wie zerstörerisch sie sich auf unsere Gesellschaften auswirken können, indem sie den Zusammenhalt untergraben und soziale Unruhen schüren.

Die sozialen Spannungen, die im Zusammenhang mit der Krise entstanden sind, haben die Demokratieindikatoren und die Medienfreiheit weltweit geschwächt. Eine Welle von Demonstrationen gegen die Reaktion auf Covid-19 und die Medien hat Europa überrollt.

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