M100 SC 2021

“From Crisis in Perpetuity to Democratic Resilience”

Mittwoch, 6. Oktober 2021, Schlosstheater Neues Palais, Potsdam, hybrid

Wie wir lernen, besser mit einer Ära der scheinbar „immerwährenden Krisen“ umzugehen, wir also „demokratische Resilienz“ erlangen, und welche Verantwortung und aktuellen Herausforderungen die Medien in dieser Situation haben, war das Thema des M100 Sanssouci Colloquiums 2021.

STRATEGIC ROUNDTABLE

Ausgerichtet in einem hybriden Format, begann es um 14.00 Uhr (MEZ) mit drei parallelen Strategic Roundtable-Diskussionen auf der digitalen Plattform Zoom. Eingestimmt wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Benjamin H. Bratton, Professor für Bildende Künste an der University of California, USA, der über „The Revenge of the Real: Politics for a Post-Pandemic World“ sprach.

In seiner Rede ging er auf den Zusammenhang zwischen der Covid-Pandemie und der biologischen Realität der Gesellschaft ein. Die Art und Weise, wie die postpandemische Politik die tief verwurzelten Kulturen des Individualismus und Subjektivismus, die heute im Zentrum der Vorstellung vom Gemeinwohl stehen, kompliziert, lade förmlich zu lautstarken Reaktionen und Widerstand ein, so Bratton. Dieser Widerstand sei deshalb hartnäckig, weil bestimmte Gewohnheiten und Impulse im Kern des westlichen sozialen Denkens fest verankert seien. Deshalb komme der Widerstand nicht nur von offensichtlich populistischen politischen Kulturen, „sondern leider auch von Philosophen, bei denen die Menschen nach einer Anleitung dafür gesucht haben, wie die Wechselbeziehungen zwischen Biologie, Politik und dem Körper waren und sein sollten.“ Bratton empfiehlt der Post-Pandemie-Politik, solche Fehleinschätzungen zurückzuweisen, „auch wenn die zukünftigen Forderungen nach einer positiven Biopolitik nicht unumstritten sind, ob legitim oder nicht.“ Die Rache des Realen ergebe sich „aus den ethischen Herausforderungen, die sich aus der Erkenntnis ergeben, dass das Virus gleichgültig gegenüber den moralischen Projektionen ist, die wir auf es werfen.“ (Die ganze Rede finden Sie hier)

Anschließend folgten drei einstündige, parallel verlaufende Strategic Roundtable. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten bereits im Vorfeld gewählt, an welchem Roundtable sie teilnehmen möchten.

Strategic Roundtable I: „New beginnings: Leadership in (post-)Covid times“
Moderation: Annalisa Piras, Journalistin, Filmemacherin und Geschäftsführerin der Wake Up Foundation
Input: Alberto Alemanno, Jean-Monnet-Professor für Recht und Politik der Europäischen Union, HEC Paris, Frankreich

In Strategic Roundtable I wurde vor allem über die Qualität der politischen Führung in Europa angesichts der Pandemie diskutiert, die sich als Stresstest für Regierungen und Gesellschaften weltweit erweist. Und nicht die letzte Krise sein wird, sondern wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack der Auswirkungen des Klimawandels ist. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten, wie krisenfest unsere Demokratien sind, welche Lektionen wir daraus ziehen sollten, welcher Reformen es bedarf, um aufkommende Bedrohungen künftig rechtzeitig zu identifizieren und wie wir Zusammenhalt und Akzeptanz der Gesellschaften im Ausnahmezustand wahren und verhindern können, dass aus konkreten Problemen wie einer Pandemie, Migration oder dem Klimawandel am Ende Krisen der Demokratie werden.
Zitiert wurde ein Satz der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, wonach Pandemien in der Geschichte immer ein Moment der Erneuerung und des Wandels und ein Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen seien. Also stellt sich die Frage, ob wir die COVID-19-Pandemie als ein Portal, als ein Tor zur Zukunft begreifen sollten. Was haben wir während der Pandemie gesehen, was war und ist falsch, was sollte der Vergangenheit angehören?
Ein großes Problem der (politischen) Führungsebene fast überall auf der Welt war die mangelnde Geschwindigkeit, mit der auf die Pandemie reagiert wurde und die Anpassungsprobleme an diese ständig neuen Herausforderungen, die das Virus für Führungskräfte mit sich brachte.
Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass zwischen den Entscheidungen von politischen Führungskräften, der Wissenschaft und der Art und Weise, wie die Wissenschaft den Menschen vermittelt wurde, eine dramatische Kluft bestand und besteht.
Für eine neue Art von Leadership folgt daraus die wichtige Lektion, dass neue Führungspersönlichkeiten sehr viel kompetenter und besser auf Krisen vorbereitet sein müssen, dass sie Wissenschaft nicht nur zu verstehen, sondern auch vermitteln können müssen.
Die Medien, so eine klare Erkenntnis, müssen bei der Unterstützung dieser Aufgabe eine viel größere Rolle spielen. Denn die meisten Probleme, vor allem in Bezug auf das Tragen oder Nichttragen von Masken und das Impfen, waren eine direkte Folge der Unfähigkeit von Medien, Fakten klar zu kommunizieren und die Wissenschaft in diesen beunruhigenden Zeiten zu unterstützen. Kurz gesagt: Neue Führungspersönlichkeiten müssen die Wissenschaft besser verstehen und vermitteln, und dabei spielen die Medien eine große Rolle.
Die Annahme einiger politischer Führungskräfte, dass Lösungen für die Pandemie auf nationaler Ebene liegen würden, hat das Desaster nur vergrößert. Das Ergebnis waren viele nationale, unzusammenhängende, wirkungslose Initiativen. Ein positiver Aspekt daraus war, dass viele Bürgerinnen und Bürger dadurch ein besseres Verständnis und ein größeres Bewusstsein für die Notwendigkeit transnationaler Maßnahmen entwickelt und die Vorteile europäischer Zusammenarbeit in Krisen erfahren haben. So hat die Pandemie gelehrt, dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit funktionieren kann und dass Kooperationen in Krisensituationen wie dieser ein richtiger Weg sind.
Deshalb sollte man sich bei lebenswichtigen Gütern, wozu Impfstoffe, aber auch zum Beispiel Energie gehört, auf die Idee der öffentlichen Güter zurückbesinnen, deren Beschaffung durch gemeinsame Aktionen von verschiedenen Nationen organisiert und erreicht werden kann.
Dabei spielen Medien eine Schlüsselrolle, um Umbrüche und Veränderungen kompetent und glaubhaft zu erklären und zu vermitteln. Ein funktionierender Journalismus ist hierfür wichtiger denn je, der allerdings auch bezahlt werden muss. Deshalb kam die Frage auf, ob nicht auch Informationen nicht als Ware, sondern als öffentliches Gut betrachtet werden müssen, die frei zugänglich sein müssten, was jedoch den traditionellen Geschäftsmodellen von Medienunternehmen widerspricht, die sowieso immer schlechter funktionieren.
Es wurde angeregt, beim Thema Finanzierung von Journalismus die Rolle des Staates wieder in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken, da die bevorstehenden Veränderungen so komplex seien, dass wir mehr denn je qualifizierte Informationen benötigen.

Strategic Roundtable II: „Fit for the job? Europe’s Role in a new World Order“
Moderation: Christoph Lanz, Head of Board Thomson Media

Die Diskussion in Roundtable II fand auf zwei verschiedenen Ebenen statt: Auf der ersten Ebene gab es eine Inside-Out-Perspektive auf Europa zur Frage der Notwendigkeit institutioneller Reformen in Europa, z.B. der Übergang von Konsens- zu Mehrheitsentscheidungen. Auch die Frage, ob die Erweiterung der Europäischen Union zum jetzigen Zeitpunkt machbar und überhaupt eine gute Idee ist, wurde heftig diskutiert. Auf einer zweiten Ebene schauten die Teilnehmer von außen auf Europa.
Ergebnis der Diskussion war, dass Europa an einem Punkt mit einer doppelten Herausforderung angelangt zu sein scheint: Europa muss sich nach innen konsolidieren und gleichzeitig nach außen wachsen. Es muss in seine globale Verantwortung als wirtschaftliches Schwergewicht hineinwachsen, aber immer noch ein militärisches Leichtgewicht sein.
Auf die Frage, ob wir als Europäer strategische Autonomie anstreben und erreichen können, neigten einige der Teilnehmer zu der Antwort, dass wir vielleicht keine große Wahl haben.
Auch wenn einige Teilnehmer diese Position vertraten, dass Europa die Unterstützung und die Kapazitäten der USA nicht braucht, war der allgemeine Konsens, dass Europa nie an den Punkt kommen werde, um strategisch autonom zu sei.
Aber die Idee steht im Raum, und es wird darüber nachgedacht und daran gearbeitet, eine große Strategie für Europa zu entwickeln, da sich die Welt um uns herum verändert und die Vereinigten Staaten sich nach innen wenden. Das sich abkehrt von Europa und die Hinwendung zu Asien, zu China, das seinen Anteil, seinen Anspruch geltend macht, und Russland, das seine eigenen politischen Interessen verfolgt. Deshalb sollte Europa anfangen, strategische Autonomie anzustreben. Aber – da waren sich alle einig – nicht gegen die USA, das wäre töricht und würde auch geografisch keinen Sinn machen, weil es keinen zweiten Westen geben kann.
Es wurde betont, dass der Entscheidungsprozess innerhalb der Europäischen Union reformiert werden müsse. Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass die Europäische Union China erlaubt, Europa zu spalten. Deshalb müsse die EU prüfen, ob es lediglich aus ein paar Ländern besteht, die sich leicht spalten lassen, oder ob sie eine gemeinsame Position finden, insbesondere in der Außenpolitik. Russland sei, wirtschaftlich gesehen, nur ein kleiner Player im großen Spiel. Europa hingegen ist wirtschaftlich stark, lässt es aber dennoch zu, dass es von Russland unter Druck gesetzt wird.
Deshalb muss Europa wirklich geeint werden, um diese großen Herausforderungen bewältigen zu können.
Ein weiterer Diskussionspunkt kreiste um die Frage, ob die europäischen Werte überholt sind oder nicht. Die klare Antwort war: Nein, sie sind es nicht. Europa sollte unbedingt an diesen Werten festhalten und sie auch weiterhin propagieren.

Strategic Roundtable III „‚A matter of facts trust‘: Science and Journalism in perilous times“
Moderation: Alexandra Borchardt, Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism
Input: Wolfgang Blau,Visiting Research Fellow am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford

Roundtable III befasste sich vor allem mit dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien und der täglichen Arbeit in den Redaktionen.
Wolfgang Blau, der die Berichterstattung über den Klimawandel in den letzten Jahren untersucht hat, hat in seinem Impuls den Klimawandel als eines der wichtigsten Themen für den Journalismus, insbesondere für das junge Publikum, definiert. Das heißt, dass die Redaktionen die Klimakompetenz enorm ausbauen müssen. Wir würden immer von digitaler Kompetenz und Medienkompetenz sprechen, aber nicht genug von Klimakompetenz, weder in der Bevölkerung, noch in der Kunst und auch nicht in den Redaktionen. Das müsse sich dringend ändern.
Die Journalisten, die Redaktionen und Medienhäuser brauchen gemeinsame Maßstäbe, um der Öffentlichkeit die Grundlagen der Klimawissenschaft und des Klimawandels zu vermitteln und mit ihr darüber zu diskutieren.
Für kleine Lokalredaktionen ist es natürlich sehr schwer, diese Anforderungen zu erfüllen, weil sie nicht über ausreichende Kapazitäten verfügen, sowohl technisch, als auch personell. In ganz Europa, so wurde in der Diskussion klar, sei das meist junge Publikum zwar sehr am Klimawandel interessiert, es sei aber enorm schwierig, Personal mit den notwendigen Kompetenzen zu finden.
Auch betonten die Teilnehmer, dass eine engere Zusammenarbeit zwischen WissenschaftlerInnen und JournalistInnen notwendig sei, um sicherzustellen, dass die Journalistinnen und Journalisten die wissenschaftlichen Fakten verstehen und in der Lage sind, sie der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Es wurde aber auch deutlich, dass Wissenschaft nicht immer Gewissheit bedeutet, sondern auch auf Zweifeln beruht, und dass es eine große Herausforderung und Aufgabe für Medien und Journalisten ist, dieses zu vermitteln.
Ein weiteres Problem, das diskutiert wurde, ist, dass Journalisten, die über den Klimawandel berichten, sehr oft in einen Topf mit grüner oder linker Politik geworfen werden. Es sei ein großes Problem, dass die Berichterstattung über den Klimawandel inmitten eines Kulturkampfes stehe. Daher müssen Mittel und Wege gefunden werden, um den Menschen einfache Metriken zu vermitteln, so wie es bei der aktuellen Pandemie getan wurde.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerten die Erfahrung, dass die Pandemie das Vertrauen in den Journalismus gestärkt habe. Das zeige, dass die Debatte über das abnehmende Vertrauen in den Journalismus insgesamt nicht zutrifft. Wie der Digital News Report in diesem Jahr gezeigt hat, ist das Vertrauen in die Medien über alle Märkte hinweg weltweit um sechs Prozentpunkte gestiegen, während es in den sozialen Medien sehr gering ist. Die traditionellen Medien, die großen Marken mit ihren Nachrichtenredaktionen, kämpfen jeden Tag darum, die Menschen zu überzeugen, mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Sie haben ein großes Plus an Vertrauen und müssen daraus Kapital schlagen; nur eine radikale Minderheit hat kein Vertrauen in die Medien, und die Journalisten müssen das Beste daraus machen.
Auch wurde diskutiert, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte. Es herrschte die Überzeugung vor, dass darin konstruktiver Journalismus eine große Rolle spielen werde. Dass Geschichten so gestalten werden müssen, dass sie konstruktiv sind und Lösungen anbieten, denn wenn die Menschen nur Katastrophen und Dramen in den Nachrichten sehen, wenden sie sich ab, das sei ein psychologischer Effekt. Die Menschen, so die einhellige Meinung, wollen konstruktive Wege aus den ewigen Katastrophen aufgezeigt bekommen, das sei eine der großen Aufgaben und Herausforderungen für den Journalismus.

SPECIAL TALK„THE TOTALITARIAN TEMPTATION“

Nach einer kurzen Pause fanden sich die anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Schlosstheater des Neuen Palais ein. Prof. Dr. Andreas Reckwitz, Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie, Humboldt-Universität zu Berlin, gab in seiner Eröffnungsrede „Resilience in late Modernity“ tiefe Einblicke in das Thema Resilienz in heutiger Zeit. „Resilienz könnte zu einem Schlüsselwort der Post-Corona-Ära, ja für die Politik des 21. Jahrhunderts insgesamt werden“, so Reckwitz. „Will man eine nachvollziehbare Lehre aus dem Umgang mit der Pandemie ableiten, dann drängt es sich förmlich auf: Die Gesellschaften müssen resilienter werden. Die Individuen sollten an ihrer Psyche arbeiten, damit sie an Resilienz gewinnen, und der Staat sollte der Gesellschaft einen Rahmen dafür bieten. Resilienz – dabei geht es um Widerstandsfähigkeit, um die Fähigkeit, gewappnet zu sein für unerwünschte, mitunter schockartige Ereignisse.“ Die ganze Rede lesen Sie hier.

Anschließend diskutierten Saad Mohseni (afghanisch-australischer Medienunternehmer und Mitbegründer und Vorsitzender der MOBY Group), Dr. Claudia Major (Leiterin der Abteilung Internationale Sicherheit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP), und Dr. Can Dündar (türkischer Top-Journalist und Chefredakteur von Özgurüz) in einer Paneldiskussion über Zustand und Zukunft der Demokratie. Moderiert von dem internationalen TV-Moderator Ali Aslan, analysierten sie insbesondere den Aufstieg totalitärer Regime und die Fehler, die westliche Regierungen im Umgang mit Afghanistan, der Türkei, dem Nahen Osten und auch Afrika und China in ihren Versuchen des Demokratie-Exports gemacht haben.
Saad Mohseni hat 2002 mit der Moby Group das erste private, unabhängige Medienunternehmen im Post-Taliban-Afghanistan aufgebaut, in dem auch Frauen als Journalistinnen und Moderatorinnen arbeiten. Damit hat er fast 20 Jahre lang die Entwicklung des Landes zu einer Demokratie mitgestaltet und nun die Erosion des Fortschritts durch die Taliban aus nächster Nähe erlebt. Ende Juli war er das letzte Mal in Afghanistan.
Mohseni, dessen Sender mit seinen 400 MitarbeiterInnen noch immer in Afghanistan aktiv ist, betonte, dass die letzten Jahre angesichts der jetzigen Situation nicht umsonst gewesen seien. Im Unterschied zu Mitte der 1990er Jahre, als die Taliban schon einmal Afghanistan regierten, würden jetzt Frauen auf den Straßen für ihre Rechte demonstrieren, zivilgesellschaftliche Akteure würden Kampagnen für die Bildung von Mädchen anstoßen und die Taliban müssten im Fernsehen mit Frauen und der Zivilgesellschaft diskutieren. Das sei vor 20, 30 Jahren undenkbar gewesen und habe natürlich etwas mit dem Bildungssystem zu tun, das auch Mädchen Zugang zu Schulen und Universitäten ermöglicht hat.
Doch eine Erosion der Demokratie sieht man nicht nur in Afghanistan, sondern auch in gebildeten westlichen Gesellschaften weltweit, und auch in Europa, wo sich nicht zuletzt in Polen und Ungarn illiberale Demokratien durchgesetzt haben.


Can Dündar, der seit 2016 im Exil in Berlin lebt und von hier aus seine unabhängige deutsch-türkische Nachrichtenplattform Özgürüz (Wir sind frei) betreibt, wies auf die Fehler hin, die die USA und europäische Länder in den letzten 40 Jahren im Umgang mit dem Nahen Osten gemacht haben. Dabei sei der erste Fehler der Amerikaner gewesen, dass sie den Islam gegen den Kommunismus benutzt und die Islamisten unterstützt haben, was zur Gründung von Al-Qaida führte. Der zweite Fehler sei der Versuch gewesen, anstelle des radikalen Islams einen moderaten Islam installieren zu wollen und zum Beispiel den türkischen Präsidenten Erdogan und andere Führungsleute zu unterstützen. Allerdings hätten sie sich keine Gedanken darüber gemacht, die liberalen oder säkulären Kräfte in diesen Ländern zu fördern. Und als 2015 die Flüchtlingskrise kam, hatte Europa keine andere Wahl, als Erdogan zu bezahlen, um den Flüchtlingsstrom nach Europa zu stoppen. Wenn es um die politischen Interessen der westeuropäischen Länder und der USA geht, seien sie bereit, demokratische Prinzipien zu opfern. Dies schwäche die Demokratie insgesamt.
Claudia Major ergänzte, dass Deutschland sich nach dem Ende des Kalten Krieges auf der guten Seite der Geschichte gewähnt habe, man habe ja gegen die Sowjetunion gewonnen, was zeige, dass die liberale Welt gewinnt. Daraus erwuchs der Trugschluss, dass, wenn wir mit anderen Ländern, die kein demokratisches System haben, nur eng genug zusammenarbeiten, würden sie dadurch ein liberales und wirtschaftlich freiheitliches Land. Das hat allerdings nicht funktioniert, wie wir heute sehen. Der Weckruf sei die Annektierung der Krim 2014 und der Krieg in Donbass gewesen, und der Alarmruf in Bezug auf China fand vor kurzem statt, so Major. Der Ansatz dieser Außenpolitik habe sich ganz klar als falsch erwiesen. Was zur Wiedervereinigung von Deutschland geführt hat, habe weltweit nicht funktioniert, und diese Einsicht sei eine frustrierende Lektion und schwer zu verdauen.
Saad Mohseni sagte, dass „viele Werte, die uns so wichtig sind, international anerkannt sind, universelle Werte wie Meinungsfreiheit, Redefreiheit. Das sind nicht nur westliche Freiheiten.“ Die Lehren aus Afghanistan seien, dass es Zeit braucht und dass man vor allem eine gebildete gesellschaftliche Schicht braucht, eine Zivilgesellschaft, in der Frauenrechte und Rede- und Meinungsfreiheit herrschen. Gleichzeitig sei es natürlich so, dass die Unterstützer dieses demokratischen Prozesses nicht gleichzeitig diejenigen sein sollten, die korrupte Politiker befördern. Can Dündar ergänzte, dass Deutschland, das durch viel Unterstützung und Zeit ein demokratisches Land werden konnte, auch demokratische Kräfte und Länder weltweit unterstützen sollte. „Ihr könnt nicht einfach die Tür schließen“, sagte er, Totalitarismus und Autoritarismus sei „wie Luftverschmutzung, sie macht nicht an den Grenzen halt.“
Auch die zentrale demokratiepolitische Rolle der Medien wurde von den Panelisten diskutiert. In der Türkei, so Can Dündar, werden fast alle Medieneinrichtungen von der Regierung kontrolliert und seien reine Propagandamaschinen. Deshalb versuchen er und sein Team, die Menschen in der Türkei aus der Ferne zu erreichen, was unter den Umständen nicht gerade leicht sei. Man ist weit weg von den Reportern vor Ort und von den Quellen, die zudem extrem vorsichtig sein müssen, und natürlich sei auch die Finanzierung ein Problem.
Die sozialen Netzwerke spielten laut den Diskutanten ebenfalls eine große Rolle. Einerseits seien sie hilfreich und oftmals unabdingbar, um LeserInnen, ZuschauerInnen, Zielgruppen zu erreichen. Andererseits werden über sie massenhaft unkontrolliert Fake-News verbreitet, es gibt undurchsichtige Algorithmen, viel Sensationalismus, Aufgeregtheit, Rassismus, Sexismus und Gewalt, was zu weiteren Spaltungen innerhalb der Gesellschaft führe.
Dennoch spiele der Zugang zu Medien in Demokratisierungsprozessen eine zentrale Rolle – und Bildung. Er hoffe, dass sein Land eines Tages – vielleicht schon in zehn Jahren – da steht, wo Deutschland heute steht, sagte er. Aktuell haben ein Drittel der Afghanen Zugang zu Smartphones, eines Tages werden es vielleicht 80 % oder 90 % sein. Das und der Zugang zu Bildung trage dazu bei, dass Menschen differenzieren können, und deshalb müssen die Kinder „in der Schule und zu Hause die Fähigkeit erwerben, verschiedene Ansichten und Meinungen zu lesen und zu hören und sich nicht in einer Echokammer, einer Blase zu bewegen.“
Claudia Major wies darauf hin, dass nach der Annektierung der Krim 2014 und der aggressiven russischen Außenpolitik in den baltischen Ländern insbesondere der Journalismus gefördert und Journalisten unterstützt werden sollten, um Falschnachrichten aus Russland etwas entgegensetzen zu können. Um Medien zu analysieren und besser interpretieren zu können und eine stärkere Resilienz gegenüber Fake-News zu entwickeln. Deshalb müsse man überall in den Journalismus investieren, vor allem dort, wo es schwierig für ihn sei. Und man müsse auch die Bevölkerung darin ausbilden, guten Journalismus zu erkennen.
Etwas, das in diesem Zusammenhang häufig übersehen werde, so Major weiter, sei der Einfluss von Think Tanks und der Wissenschaft von außerhalb. So werde von einigen Seiten versucht, den wissenschaftlichen Diskurs zu beeinflussen, indem man Wissenschaftler bedroht oder versucht, den Diskurs in bestimmten Themengebieten wie zum Beispiel bei der Pandemie oder dem Ursprung der Pandemie zu bestimmen. Deshalb sei es wichtig, auch die wissenschaftliche, die akademische Freiheit zu verteidigen. „Wir sollten wissen, wer welchen Stuhl, welche Denkfabrik finanziert, weil die Freiheit des Denkens genauso wichtig ist wie die Presse- und Meinungsfreiheit.“
Hinsichtlich der in vielen Ländern zunehmenden Fragmentierung und Polarisierung in der Gesellschaft teilte Claudia Major den Eindruck, „dass wir in den letzten Jahren realisiert haben, dass die Demokratie eine kritische Infrastruktur ist, die wir genau wie unsere Energiesysteme schützen müssen“. Ob Medien oder Bildung, wir müssten uns „dagegenstellen, dass unsere öffentliche Meinung und Forschung von anderen Ländern unterlaufen werden, wir müssen ein Screening durchführen, nicht nur, was russischen und chinesischen Einfluss in der Volkswirtschaft angeht, sondern auch in der Medienlandschaft. Ich denke, es gibt einen Bewusstseinsprozess.“
Trotz des derzeitigen Zustands der Demokratie zeigte sich Can Dündar in Bezug auf die Zukunft optimistisch. Wir alle hätten viel von der Pandemie gelernt und er habe den Eindruck, dass sich in vielen Gesellschaften gerade wieder soziale Tendenzen verstärken, sei es in den USA oder in Deutschland. Wichtig sei, dass Bildung und Medien weiter gestärkt und unterstützt werden. Was sein Heimatland betrifft, ist Dündar zuversichtlich, „dass wir bald ein Ende dieser dunklen Zeitperiode haben.“ Denn auch in der Türkei sei sichtbar, dass Politik und Islamismus nicht zusammenleben können; Religion muss von der Politik getrennt werden. Die Oppositionsallianz werde mächtiger, und seine Hoffnung ist groß, dass bei den nächsten Wahlen in der Türkei eine demokratische Allianz gewinnt.
Saad Mohseni wies darauf hin, dass das, was in Afghanistan passiert, nicht in Afghanistan bleiben wird. Das diktatorische Regime werde Millionen von Menschen dazu zwingen, das Land zu verlassen. „Afghanistan ist zwei Länder weg von Europa: Iran, Türkei und dann kommt schon Europa. Und wenn die EuropäerInnen sich wirklich Gedanken und Sorgen machen um Afghanistan, müssen sie sich darum kümmern, was in Afghanistan passiert“, sagte er. Er riet dazu, sich mit den Taliban zusammenzusetzen und sich in der Region zu engagieren. Was nicht bedeutet, die Taliban anzuerkennen. Aber man müsse sich mit dem Regime auseinandersetzen, denn sonst werde es Hunger, Massensäuberungen und eine noch größere Armut geben. „90% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Es liegen schwierige Zeiten vor dem Land, die Welt muss aktiv werden.“ Es sei Zeit, dass Deutschland, insbesondere in Afghanistan und der Türkei, eine Führungsrolle übernehme. „Denn alles, was in Afghanistan passiert, bleibt nicht notwendigerweise im Land. Es wird Auswirkungen auf Deutschland, die Türkei und auf andere Länder haben.
Die Demokratie, so der einhellige Tenor, ist fragil, mit einer kritischen Infrastruktur, die wir genau wie unsere Energiesysteme schützen müssen. „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, wir müssen für sie kämpfen“.

M100 MEDIA AWARD AN ALEXEI NAWALNY UND FBK

Mit der feierlichen Verleihung des M100 Media Award an den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny und seine Anti-Korruptionsstiftung FBK fand das M100 Sanssouci Colloquium einen glanzvollen und bewegenden Abschluss. Anstelle des inhaftierten Nawalny nahm dessen Wahlkampfleiter und enger Vertrauter Leonid Volkov den Preis entgegen, der ihm von Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert überreicht wurde. Die Laudatio hielt FDP-Chef Christian Lindner, der sich seit Monaten für die Freilassung Nawalnys einsetzt und sich inmitten spannender Koalitionsverhandlungen die Zeit nahm, um nach 2018 zum zweiten Mal die zentrale politische Rede des M100 Sanssouci Colloquiums zu halten.
Mit der Wahl Nawalnys setzt der Beirat des M100 Sanssouci Colloquiums unter Vorsitz des Potsdamer Oberbürgermeisters Mike Schubert ein deutliches Zeichen für die Bedeutung der Verteidigung europäischer Werte durch eine unabhängige Opposition und Zivilgesellschaft, faire Justizverfahren und das Recht auf Ausübung grundlegender Menschenrechte. Die Preisvergabe dient auch als Symbol für fast 400 politische Gefangene in Russland, für ermordete Politiker und Journalisten und für den Kampf gegen zunehmenden Autokratismus in Europa.

Wir danken unseren Förderern, Sponsoren und Partnern für die finanzielle und inhaltliche Unterstützung: Landeshauptstadt Potsdam, Medienboard BerlinBrandenburg, Auswärtiges Amt, National Endowment for Democracy, Friedrich Naumann Stiftung, Agentur Medienlabor, BFB, AFP, Human Rights Watch, Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), Reporter ohne Grenzen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und dem VDZ.