Plattform Svidok: Wichtige Quelle zum Krieg in der Ukraine

1. Februar 2024. Olenka Kuk (Foto Mitte) ist eine junge ukrainische Fernsehjournalistin, die 2022 am M100YEJ teilgenommen hat. Ihr Foto mit Wladimir Klitschko und ihrer Kollegin Tania Skyba, die auf der Bühne des M100 Media Award die ukrainische Flagge schwenken, ist ikonisch.
Neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin bei United News (dem wichtigsten Nachrichtensender, zu dem sieben große ukrainische Fernsehsender gehören) und Suspilne, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Ukraine, arbeitet sie als Kommunikationsexpertin für die gemeinnützige soziale Online-Plattform Svidok.org.
Svidok (Deutsch: Zeuge) ist eine Art öffentliches Kriegstagebuch, auf dem Menschen anonym ihre Kriegserinnerungen, persönliche Geschichten und Zeugenaussagen zu Kriegsverbrechen speichern können. „Die Plattform ist eine großartige Quelle für Journalisten, die damit Material erstellen können, das auf den Geschichten von Betroffenen basiert“, sagt Olenka Kuk. „Es ist das größte und am schnellsten wachsende Archiv mit persönlichen Geschichten von Ukrainern über die Tragödie, die Hoffnung und das tägliche Leben während dieses brutalen Krieges. Wir laden Enthüllungsjournalisten, Ermittler von Kriegsverbrechen und andere Interessierte ein, Svidok zu nutzen, um authentische Informationen über den Krieg Russlands in der Ukraine zu erhalten.“

DESINFORMATION IST DAS GRÖSSTE GLOBALE RISIKO

16. Januar 2024. In diesem Jahr finden in über 70 Ländern der Welt Wahlen statt. Rund vier Milliarden Menschen werden in mehr oder weniger freien Wahlen darüber entscheiden, wer sie in Zukunft regieren soll. Nicht zu vergessen die Europawahlen, die Anfang Juni stattfinden.
In vielen Ländern drohen die Antidemokraten an Zustimmung zu gewinnen. Das liegt nicht nur an der Demokratiemüdigkeit, sondern vor allem an groß angelegten Desinformationskampagnen, in die autokratische Regime wie Russland und China Milliarden investieren. Mit gezielter Desinformation versuchen sie, die Wahlen im Superwahljahr 2024 zu beeinflussen.

In einer Analyse von Dr. Katja Muñoz von der DGAP heißt es: „Generative KI verschärft Fehlinformationen und Wahlbeeinflussung auf globaler Ebene – ein Segen für ausländische Einflusskampagnen oder opportunistische Betrüger. KI-gesteuerte Sprachsynthese und Deepfakes könnten dazu genutzt werden, um gefälschte Bilder zu inszenieren, z. B. Szenen von Wahlmanipulationen oder zerstörten Wahllokalen. Diese gefälschten Inhalte könnten dann durch die Verbreitung über scheinbar seriöse Nachrichtenseiten ergänzt werden. Das Ökosystem der sozialen Medien vergrößert die Reichweite von Fehlinformationen und löst damit weitere Unruhen aus.“

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Wir trauern um Dr. Wolfgang Schäuble

27. Dezember 2023. Wir trauern um Dr. Wolfgang Schäuble, der zwischen 2007 und 2019 dreimal die politische Hauptrede des M100 Sanssouci Colloquiums gehalten hat:
2007 als Bundesinnenminister (den M100 Media Award erhielt Bob Geldof, Laudator war ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo), 2012 als Bundesfinanzminister (M100 Media Award an den damaligen EZB-Chef Mario Draghi, Laudatoren waren Dr. Paul Achleitner und der damalige Ferrari-Chef Luca di Montezemolo) und 2019 als Bundestagspräsident (M100 Media Award an Nicola Sturgeon, damalige Erste Ministerin Schottlands, für ihren Widerstand gegen den Brexit, Laudatio: Armin Laschet, damaliger Ministerpräsident NRW).
Seine klugen, pointierten und immer mit einer Prise Humor gewürzten Reden drehten sich stets um den europäischen Einigungsprozess, die Verteidigung und Stärkung der Demokratie und die Rolle und Verantwortung der Medien.
Wir haben Wolfgang Schäuble als unkomplizierten und nahbaren Politiker und Menschen erlebt, der das M100 Sanssouci Colloquium sehr bereichert hat. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und vor allem bei seiner Frau Ingeborg, die ihn 2012 und 2019 nach Potsdam begleitet hat

Umfrage: Einfluss von Desinformation auf Wahlergebnisse

20. Dezember 2023. Im kommenden Jahr finden einige wichtige Wahlen statt: Außer der Europawahl im Juni und der US-Wahl Anfang Dezember werden in zahlreichen Ländern neue Parlamente gewählt, deren Ausgang zum Teil bedeutenden Einfluss auf die Zukunft Europas haben, u.a. Präsidentschaftswahlen in Finnland, Kroatien, Litauen, Moldawien, Österreich und Georgien.
Der Einfluss von Desinformation auf die Ergebnisse dieser Wahlen wird entscheidend sein, weshalb sich auch der nächste M100 Young European Journalists Workshop mit dem Thema „Desinformation in Election Campaigns“ beschäftigen wird.
Kürzlich hat das internationale Marktforschungsunternehmen Ipsos mit Sitz in Paris gemeinsam mit der UNESCO eine Umfrage zum Thema „Wahlen und soziale Medien: der Kampf gegen Desinformation und Vertrauensfragen“ erstellt. Dazu wurden Bewohnerinnen und Bewohner von 16 Ländern befragt, in denen im kommenden Jahr Parlamentswahlen stattfinden: Algerien, Bangladesh, Belgien, Kroatien, Dominikanische Republik, El Salvador, Ghana, Indien, Indonesien, Mexiko, Österreich, Rumänien, Senegal, Südafrika, USA sowie Ukraine, in denen die geplanten Wahl aufgrund des Krieges aber nicht stattfinden wird.
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Götz Hamann: Desinformation im Nahostkonflikt

11. Dezember 2023. Götz Hamann, Reporter Technologie und Digitale Gesellschaft bei ZEIT ONLINE und regelmäßiger Teilnehmer des M100 Sanssouci Colloquiums, ist in einem aktuellen Essay der „information pollution“ und Bildern als Kriegstaktik nachgegangen.

Darin beschreibt er unter anderem, wie die die israelische Firma Cyabra aus Tel Aviv in den ersten 48 Stunden nach den Morden der Hamas die großen Netzwerke TikTok, Instagram, Telegram und X nach Beiträgen über das Massaker durchsucht hat. Ein Ergebnis: „Ein Viertel der Beiträge stammte von Fake-Nutzern. Und die Schnelligkeit, mit der manipulierte Videos in Umlauf kamen, ihre Qualität, die schiere Zahl und auch die Zahl der leicht davon abweichender Varianten deuten auf staatliche Akteure hin. Niemand sonst hat solche Möglichkeiten.“
Die Ziele der staatlichen Akteure waren dabei nahezu identisch, so Hamann: „den Westen zu diskreditieren für seine Politik im Nahen Osten, aber zugleich möglichst viele Musliminnen und Muslime und damit die großen Einwanderercommunitys in Europa und den USA gegen jene Regierungen aufzuwiegeln, die Israel unterstützen. Denn die Kampagnen verstärkten die Erzählung der Hamas: Sie versuchte Terroristen zu Freiheitskämpfern zu machen und brutale Entführer zu fürsorglichen Betreuern. Damit verdrehte die Propaganda eine ohnehin schreckliche Wirklichkeit auf obszöne Weise und verwertete sie zu eigenen Zwecken. Laut Cyabra haben diese Kampagnen in den ersten 48 Stunden nach den Morden bis zu 500 Millionen Menschen erreicht. Viele von ihnen haben das Thema aufgegriffen. Die Propaganda fiel auf einen fruchtbaren Boden.“
Die antisemitischen Demonstrationen weltweit, verbunden mit dem zur Vernichtung Israels auffordernden Slogan „From the River to the Sea, Palestine will be free“, sind ein trauriger Beweis dafür.

George N. Tzogopoulos: Der Krieg zwischen Israel und der Hamas: Wie geht es weiter?

27. November 2023. Der Terroranschlag der Hamas gegen Israel am 7. Oktober hat eine neue Spirale gewalttätiger Spannungen im Nahen Osten ausgelöst. Das Attentat mit über 1.200 Toten und die Entführung von über 200 Kindern, Frauen und Männern haben die israelische Gesellschaft in einem noch nie dagewesenen Ausmaß traumatisiert und fast unmittelbar zu Solidaritätsbekundungen der USA und Europas geführt. Die Verurteilung der Gräueltaten durch die westliche Gemeinschaft war eine natürliche Reaktion. Die gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Großbritanniens und der USA vom 9. Oktober spiegelte die allgemeine Logik wider, indem sie klarstellte, dass es „niemals eine Rechtfertigung für Terrorismus gibt“.

Israel hat beschlossen, auf die Gräueltaten der Hamas mit militärischer Gewalt im Gazastreifen zu reagieren und seine Luft- und Seebombardements mit einer Bodeninvasion zu kombinieren. Ziel ist es, die Freilassung der Geiseln zu erzwingen, das Waffenarsenal der Terrororganisation zu zerstören und sicherzustellen, dass in Zukunft keine ähnlichen Angriffe mehr verübt werden können.

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Anna Romandash: Women of Ukraine

24. November 2023. In ihrem Buch „Women of Ukraine: Reportages from the War and Beyond“ hat Anna Romandash, preisgekrönte Journalistin aus der Ukraine und M100-Alumna, Geschichten von 33 ukrainischen Frauen gesammelt, die sie zwischen Februar 2022 und Juni 2023 interviewt hat. Die Frauen aus unterschiedlichsten Regionen und Berufen erzählen, wie sie versuchen, den Konflikt zu bewältigen und mit welchen besonderen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.

Das Kapitel „Der Kampf Anastasiias für das Andenken ihres Verlobten in der Ukraine“ (Original: Fighting for Her Fiancé’s Legacy in Ukraine) können Sie in deutscher Übersetzung hier lesen:

April 2023
„Es war ein Freund, der mir erzählte, dass Oleksandr gestorben war“, sagt Anastasiia. „Ich weiß nicht mehr genau, was dann passiert ist. Ich habe nur geschrien und geschrien.“
So erfuhr Anastasiia Blyshchyk, dass ihr Verlobter im Kampf gefallen war. Es war der 4. Mai 2022.

„Drei Tage lang habe ich es verdrängt und gehofft, es wäre eine Lüge“, erinnert sich Anastasiia Blyshchyk, „dann bekam ich eine SMS von einem Sanitäter aus Oleksandrs Einheit. Es tut mir leid, dass ich ihn nicht retten konnte. Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte.“

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Wolfgang Ischinger mit „Preis für Verständigung und Toleranz“ ausgezeichnet

15. November 2023. Am Samstag, dem 11. November, hat das Jüdische Museum Berlin den „Preis für Verständigung und Toleranz“ an M100-Beirat Prof. Dr. Wolfgang Ischinger, Präsident des Stiftungsrates der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz verliehen. Die Laudatio hielt Botschafter a.D. Ronald S. Lauder. Wir gratulieren herzlich!
In einem Interview mit dem Handelsblatt warnte Ischinger vor kurzem vor „flächenbrandartigen Entwicklungen“ im Nahen Osten und dass Israel ein Zweifrontenkrieg mit unabsehbaren geopolitischen Folgen drohe: „Im Süden gegen die Hamas und im Norden gegen die Hisbollah, die nachweislich um ein Vielfaches kampfkräftiger ist als die Hamas“, so Ischinger. „Auch Maßnahmen Israels gegen iranische Stellungen in Syrien oder den Iran selbst sind dann nicht mehr auszuschließen. Dann wird der Iran zu ganz anderen Mitteln greifen.“ Jetzt komme es darauf an, „dass die Regierung in Israel nicht über das Ziel hinausschießt.“
Er rät jedoch, sich „wohlfeile Ratschläge an die israelische Seite vom deutschen Sofa aus angesichts der Dimension dieser Terrortragödie am besten zu verkneifen. Ich bin aber sicher, dass Israel weiß, dass es mit seinen bevorstehenden militärischen Aktionen in eine politische Falle der Hamas tappen könnte: Dort wünscht man sich nichts mehr als möglichst große Zahlen an palästinensischen Märtyrern und möglichst blutige Bilder aus Gaza, um den eigenen Terror mit der Anklage gegen Israel übertünchen zu können. Das wird, wie jetzt schon zu sehen ist, nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch zum Beispiel in (Berlin-)Neukölln verfangen, auch wenn es der Gipfel des Zynismus ist. (…) Diese Freudengesänge von teilweise jugendlichen Hamas-Anhängern auf deutschen Straßen sind unerträglich.“

Wir trauern um Karel zu Schwarzenberg

13. November 2023. Der M100-Beirat trauert um sein Mitglied Karel zu Schwarzenberg, der von Anbeginn dem Beirat des M100 Sanssouci Colloquiums angehört hat. Schwarzenberg, geboren am 10. Dezember 1937 in Prag, starb in der Nacht zu Sonntag in Wien, vier Wochen vor seinem 86. Geburtstag.

Schwarzenberg war ein enger Wegbegleiter Václav Havels. Von 2007 bis 2009 und von 2010 bis 2013 war er Außenminister der Tschechischen Republik. Von 2009 bis 2015 war er Vorsitzender der neu gegründeten Partei TOP 09. 2013 kandidierte er für das Amt des tschechischen Staatspräsidenten, unterlag aber Miloš Zeman.

Schwarzenberg, der im Jahr 2019 beim M100 Sanssouci Colloquium die Dinnerrede hielt, war nicht nur im Kreis des M100-Beirat hochgeschätzt. „Mit dem Tod von Karel Schwarzenberg ist Europa ärmer geworden“, schreibt der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen in einem Nachruf. „Sein Leben und Wirken war von Verantwortung und Klarsicht geprägt. Liberal, konservativ, weltoffen und patriotisch, so widersprüchlich diese Begriffe wirken, in Karel Schwarzenberg fanden sie zueinander.“ Für Schwarzenberg sei Europa „nicht nur eine Vision, sondern ein Anliegen“ gewesen, „dem er mit all seinen Fähigkeiten diente.“ Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und Freunden.

„Das Antisemitismus-Problem in Deutschland wird mit dem Krieg in Nahost offenbar“

„Nach dem unsagbar brutalen Angriff der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023, auf wehrlose Frauen, Männer, Kinder, Babys und Alte, müssen Jüdinnen und Juden weltweit wieder um ihre Sicherheit fürchten. Sie werden bedroht, angefeindet, angegriffen. Auch in Deutschland.
Nicht nur der Jubel über die Taten der Hamas auf deutschen Straßen ist entsetzlich und beschämend. Zutiefst verstörend und bedrückend ist, dass so viele den Jüdinnen und Juden angesichts der Terrorattacke mit 1400 Opfern jedes Mitgefühl versagen. Sie erfahren Kälte und Indifferenz, Relativierungen, Schuldzuweisungen, Kritik. Aus der Politik, aus der Bevölkerung. Wie groß das Antisemitismus-Problem in Deutschland ist, wird mit dem Krieg in Nahost offenbar.
Jede und jeder ist aufgefordert, sich diesem Verhalten entgegenzustellen und zu widersprechen. Wenn wir zulassen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht ohne jede Einschränkung geächtet und verurteilt werden, weil sie Israel, weil sie Jüdinnen und Juden getroffen haben, ist eine rote Linie überschritten.
Es geht hierbei nicht darum Pro-Israel oder Pro-Palästina zu sein, sondern um unverhandelbare Werte. Wer sich zu ihnen nicht bekennt, indem er den Angriff der Hamas ohne Einschränkung als das benennt, was er ist – blanker, brutaler Terror, gegen den jeder Staat der Welt seine Bürgerinnen und Bürger schützen muss – sondern ihn relativiert, muss sich fragen lassen, wessen Agieren und wessen antidemokratische Ziele er damit unweigerlich stützt.“

Sabine Schicketanz, Chefredakteurin Potsdamer Neueste Nachrichten, M100-Beirat