Thema

From Pipedream to Reality – Media, Democracy and the European Public Sphere

Dienstag, 17. September, Orangerie, An der Orangerie 3-5, Park Sanssouci, Potsdam

 

Das M100 Sanssouci Colloquium beschäftigt sich in seinem Jubiläumsjahr mit der Zukunft der europäischen Öffentlichkeit. Damit greift es ein zentrales Thema auf, das seit der Gründung der Europäischen Union mit den Maastrichter Verträgen intensiv und durchaus wechselhaft diskutiert wird.

Bei der ersten Konferenz „Quo Vadis Europa?“ im September 2005 blickten die Journalisten und Medienmacher noch optimistisch in die Zukunft. Die Ost- Erweiterung und die Verabschiedung der Europäischen Verfassung schienen ein neues Zeitalter für die EU einzuleiten. Kurze Zeit vorher hatten Jacques Derrida und Jürgen Habermas die europaweiten Proteste gegen die Intervention der USA im Irak zur Geburtsstunde „einer neuen europäischen Öffentlichkeit“ erklärt.

15 Jahre danach steht die Existenz des europäischen Projekts auf dem Spiel. Europafeindliche Stimmen in ganz Europa werden immer stärker, europäische Werte in Frage gestellt. Es wird deutlich: Der europäische Einigungsprozess ist keine Einbahnstraße. Statt unaufhaltsamer Integrationsschritte steht das Szenario des Zerfalls im Raum.

Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass der öffentliche Diskurs in und über Europa den vollendeten Tatsachen europäischer Integration hinterherhinkt. Mediensysteme in der EU sind weiterhin national konstituiert. Nur selten gelingt es, grenzüberschreitende Debatten aus europäischer Perspektive anzustoßen. Dank der gemeinsamen Währung, Erasmus und Schengen bildete sich in den europäischen Bürgerschaften zunehmend ein Bewusstsein für Europa und die Tragweite des europäischen Einigungsprojekts heraus. Doch der Transfer zur EU – als politischem und im Kern auch demokratischem System – funktionierte nur bedingt.

Gleichzeitig stellt sich heute die Frage nach Öffentlichkeit und Journalismus im supranationalen Kontext mit neuer Relevanz – und unter neuen Vorzeichen. Öffentlichkeit per se ist dank der Digitalisierung immer weniger an die nationale Ebene gebunden. Lernende Algorithmen, künstliche Intelligenz, die zunehmende Macht von Intermediären und US-amerikanischer oder chinesischer Akteure wiederum verändern Journalismus, Meinungsbildung und Meinungsfreiheit nachhaltig. Die Sorge vor Manipulation durch Falschmeldungen und Desinformationskampagnen wächst. Insbesondere EU-kritische Parteien und Populisten wissen die digitale Revolution zu nutzen und profitieren von den Umbrüchen im Journalismus. Angesichts dieser Herausforderungen fällt es den in vielen Fällen auch ökonomisch unter Druck stehenden Medienorganisationen zusehends schwer, der Vielfalt der an sie gerichteten Erwartungen gerecht zu werden. Es zeigt sich: Obwohl professioneller, unabhängiger Journalismus gemeinhin als zentrale Errungenschaft und Kernvoraussetzung moderner Demokratien erachtet wird, heißt das nicht, dass wir seinen Fortbestand als gegeben betrachten können.

Doch es gibt auch positive Tendenzen. Eine Vielzahl von Initiativen zielen darauf ab, transeuropäische Diskussionen und europäische Netzwerke des medialen, kulturellen und politischen Austauschs zu fördern oder setzen sich für Innovation im Journalismus ein. Doch reichen diese Versuche bei weitem nicht aus und laufen häufig unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der großen.

Europäische Antworten auf die Umbrüche in unserer Kommunikationslandschaft tun not – und lässt die Beschäftigung mit Medien, Öffentlichkeit und Demokratie im europäischen Kontext nicht als Schönwetterthema für Europaromantiker, sondern als industrie- bzw. geopolitische, aber auch als demokratiepolitische Notwendigkeit erscheinen. Kommunikationspolitik ist angesichts der Macht der GAFA (Google, Apple, Facebook und Amazon) nur noch europäisch zu denken – und bleibt trotz mancher Brüsseler Initiativen hinter den Notwendigkeiten zurück, weil sich Interessen und Mentalitäten zwischen den EU-Staaten grundlegend unterscheiden.

Welche Schlüsse können wir aus den drastischen Veränderungen in Europa seit dem ersten M100 Sanssouci Colloquium ziehen? Wie schaut eine europäische Antwort auf die Dominanz der US-Digitalkonzerne aus? Welche Möglichkeiten eröffnet das Internet für die europäische Öffentlichkeit? Bietet die EU gegenwärtig die Möglichkeiten und Strukturen für ihre Bürger und deren Vertreter, Probleme mit direkter öffentlicher und gesellschaftlicher Relevanz zu diskutieren, zu überdenken und zu überprüfen? Und wenn, hat dies relevante Auswirkungen auf den politischen Prozess der EU und wie sehen diese aus? Und in welchem Mediensystem wollen wir als europäische Bürgergesellschaft leben?

Im bewährten Zusammenspiel aus wissenschaftlichem Vordenken und Praxisperspektive und unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen wie Europawahl, Brexit oder der Urheberrechtsreform wird das diesjährige M100 Sanssouci Colloquium eruieren, wie es um den „Kommunikationsraum Europa“ qualitativ bestellt ist und konkrete Handlungsoptionen diskutieren. Abschließend lädt M100 wieder im Rahmen der Preisverleihung des M100 Media Award zu einem exklusiven Gala Dinner in die historischen Neuen Kammern ein.

M100 ist eine Initiative von Potsdam Media International e.V. und wird von der Stadt Potsdam hauptfinanziert. Weitere Förderer sind das Auswärtige Amt, medienboard Berlin-Brandenburg, das Bundespresseamt, die Friedrich Naumann Stiftung und National Endowment for Democracy. Partner ist United Europe e.V. und Kooperationspartner sind die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, Reporter ohne Grenzen (RoG) und der Verband Deutscher Zeitungsverleger (VDZ).